
Seit mehr als einer Dekade blicken die Klangtüftler von KONTRAST schon augenzwinkernd auf die Schwarze Szene. 1996 schufen sie mit ”Einheitsschritt” (3 Schritte vor und 3 zurück) unter dem Namen ISECS einen wahren Independent-Klassiker, der noch heute zum Standard-Repertoire eines jeden Düster-DJs gehört.
In der winterlichen Abgeschiedenheit eines Nordsee-Feriendorfes entstanden die Kompositionen für das neue, dritte KONTRAST-Album “Vision und Tradition”, denen Dirk, Roberto, Falko und Lexi im Rahmen zahlreicher Sessions in verschiedenen Studios ihren finalen Schliff verpassten und welches am 24.10.2008 auf dem renommierten Label Danse Macabre Records (Vertrieb: AL!VE) das Licht der Welt erblickte.
Anna: “80er Jahre” gefällt mir persönlich sehr gut. Auch wenn ich erst 1985 geboren wurde, kann ich behaupten, dass in den 80ern Einiges besser war: Die Musik, die Zeichentricksendungen, auch die Menschen. Ihr zählt in “80er Jahre” die wichtigsten Ereignisse in Deutschland und der Welt auf.
Was war für Euch das wichtigste Ereignis in den 80ern, wieso fehlen Euch die 80er so sehr, wie Ihr es besingt?
Roberto:
Aus unserer Sicht war mit Sicherheit das wesentlichste Ereignis der 80er Jahre die Wiedervereinigung Deutschlands, weil wir ja hälftig aus den alten und den neuen Bundesländern stammen - und ansonsten hätte es unsere schöne Kapelle wahrscheinlich nie gegeben.
Lexi:
Ich denke aber, dass wir in dem Song nicht nur die positiven Ereignisse der 80er besingen. Wir erinnern ja durchaus auch an Ereignisse wie Tschernobyl und AIDS - auch das sollte man nicht vergessen. So positiv ist der Song ja nicht. Wir stellen ja am Ende auch die Frage: “Ist der Becher der Erinnerung halbvoll oder halbleer?” - Und das soll dann jeder Hörer selbst entscheiden.
Anna: “Vision und Tradition” schmückt den Titel des Albums und eines Songs, der vom “Palast der Republik” in Berlin handelt. Dieser wurde 1976 erbaut, wird nach und nach wieder abgerissen und soll nächstes Jahr komplett verschwunden sein. Wieso hat ausgerechnet dieses Gebäude einen Song auf Eurem Album verdient? Was sind die Hintergründe?
Lexi:
“Vision und Tradition” haben wir zum Titelsong unseres neuen Albums gemacht, weil dieses Lied ein sehr zentrales Thema für uns behandelt. Es geht darin um nichts Geringeres als um die Trennung der beiden deutschen Staaten und die Wiedervereinigung. Wir stammen ja zur Hälfte aus den neuen Bundesländern, d.h. Dirk und ich sind in der DDR aufgewachsen - und insofern war die Wiedervereinigung sicherlich eines der wichtigsten Erlebnisse, die wir in unseren Leben hatten. Der Palast der Republik ist ein - wie wir finden - besonders starkes Symbol für die DDR und für die Wiedervereinigung. Zum einen steht der Palast der Republik für die Vision einer neuen Gesellschaftsform, die man ja versucht hat, mit der DDR aufzubauen. Man muss sich dabei ja auch einmal vorstellen, dass dieser Palast der Republik gebaut wurde als ein Palast nur für das Volk - wo hat es das sonst gegeben? Und zum anderen steht der Palast der Republik natürlich auch für das Scheitern dieser Vision von einer neuen Gesellschaft. Das sieht man ja daran, dass der Palast der Republik jetzt endgültig abgerissen wurde.
Dirk:
In dem Song wird zusätzlich ja auch eine Liebesgeschichte erzählt. Dabei habe ich so ein bisschen versucht, eine persönliche Geschichte zu verarbeiten. Ich bin vor der Wende mit einem Vater sozusagen geflüchtet und habe damals sehr viele Freunde und unter anderem auch eine Freundin zurücklassen müssen - und ich fand, dass man das sehr gut auch mit dieser Thematik “Palast der Republik” verbinden kann.
Anna: In dem Song “Was ist das Ziel?” stellt Ihr das Leben quasi als ein Spiel dar, das durch das Schicksal gelenkt wird. Sind das unter anderem private Ereignisse, die Ihr dort einfließen lasst?
Roberto:
Bei “Was ist das Ziel?” handelt es sich ja zunächst einmal um eine Cover-Version. Das Stück ist also nicht von uns, obwohl wir es - wie wir finden - sehr gut in den Kontrast-Kosmos integriert haben. Das Original stammt von der leider viel zu früh verstorbenen Alexandra. Mit Sicherheit hat uns an diesem Stück einerseits die musikalische Traurigkeit fasziniert, andererseits aber auch ganz klar der Text. Ich denke schon, dass man sich in einem solchen Text wieder finden kann, auch wenn er nicht von einem selbst geschrieben ist, denn sonst hätten wir diesen Song nicht ausgewählt. Es ist ganz klar, dass wir mit diesem Text auch einige persönliche Erinnerungen verbinden - beispielsweise auch, wie wir diesen Song zum ersten Mal aufgenommen haben: in einer gemeinsamen Session an der Nordsee bei Minusgraden im Dezember und bei offenem Fenster - und ich denke, so etwas vergisst man nicht so schnell.
Anna: Ihr benutzt sehr viele Samples aus sehr alten Zeiten. Wie kommt Ihr an diese Samples und welchen Grund gab es, gerade diese zu verwenden?
Roberto:
Wir haben in der Tat einige Samples verwendet, die natürlich zunächst einmal ganz einfach zu dem Inhalt des jeweiligen Songs passen. Da lag es eben nahe, bei “Deutsches Land” uns natürlich bei Adolf Hitler zu bedienen, um auch sehr deutlich zu machen, mit welch einfachen Mitteln er damals die Massen manipuliert hat. Bei “Vision und Tradition” ist es natürlich auch logisch, den Herrn Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker wieder einmal ins Gespräch zu bringen. Und zuletzt haben wir mit “Dunkle Gestalten” ja sogar einen Song fabriziert, der ausschließlich auf Samples aufbaut, nämlich aus dem Film “Die Nacht der reitenden Leichen”, denn der hat uns allesamt immer schon begeistert.
Lexi:
Wobei wir natürlich die Samples für “Dunkle Gestalten” nicht ganz so sorgfältig ausgewählt haben, denn bei diesem Song ging es uns ja darum zu zeigen, wie schnell und einfach mal so einen Industrial-Song zusammenkloppen kann. Da ist es tatsächlich so gewesen, dass wir an Robertos gut sortierten DVD-Schrank gegangen sind und einfach die erste Horror-DVD geschnappt und verwurstet haben.
Anna: Es gibt auffallend nachdenkliche und fast schon ruhige Songs auf “Vision und Tradition”. Was ist ausschlaggebend dafür gewesen?
Dirk:
Ich denke, dass die eher ruhigen Songs von unserer Nordsee-Session stammen. Was soll man denn auch für Lieder schreiben, wenn es draußen düster und kalt ist und das Meer rauscht? Da kann man eigentlich nur ruhige, langsame Songs schreiben.
Lexi:
Ich muss auch sagen, dass es für uns ziemlich unlogisch wäre, eine Platte nur mit Dancefloor-Krachern zu produzieren, denn wir sind halt nicht das ganze Leben in irgendeinem Club unterwegs. Das Leben bietet auch andere Momente und die verarbeiten wir natürlich ebenfalls, denn meistens sind die Erlebnisse, die man außerhalb des Clubs erlebt, ja doch etwas eindringlicher und emotionaler - und das ist es ja, worum es in unserer Musik geht.
Anna: Wie bereitet Ihr Euch auf einen Auftritt vor? Lässt die Vorbereitung, das Aufbauen der Instrumente, der Soundcheck etc. überhaupt noch Platz für Aufregung?
Roberto:
Bei mir persönlich nicht, denn wir haben mittlerweile derart viele Bühnendekorationen angehäuft - da sind wir fast schon ein Stündchen dabei, das Ganze zu verkabeln, zu verschrauben. Und ich glaube, dass beispielsweise Lexi und Falko auch voll in dieser Aufgabe aufgehen. Und ich stehe dann immer daneben und baue in Ruhe meinen Verkaufsstand mit CDs auf…
Also grundsätzlich ist es schon so, dass man natürlich immer eine gewisse Grundspannung hat vor so einem Auftritt, aber wir haben ja nun inzwischen weit über 50 Konzerte gegeben - von daher sind wir schon einigermaßen selbstbewusst, wenn dann der Vorhang aufgeht.
Anna: Ihr wart bereits Vorband von u. a. Joachim Witt, Clan Of Xymox und Funker Vogt. Wie war es, für solche Größen als Vorband zu dienen? Würdet ihr gerne wieder bei diesen Künstlern als Vorband auftreten oder auch gerne mal diese Künstler als Vorband haben? *g*
Roberto:
Mit Sicherheit ist es immer interessant, mit größeren Bands zusammen zu spielen, weil man da natürlich auch immer ein größeres Publikum erreicht und somit auch Leute, die einen sonst wahrscheinlich nie besucht hätten, wenn man alleine auf Tournee gegangen wäre. Ich denke, wir haben bei zahlreichen Auftritten auch schon sehr, sehr unterschiedliche Leute erreicht - und ich denke auch, dass es den Meisten gefallen hat.
Natürlich hätten wir auch nichts dagegen, wenn sich mit dem “Durchbruch”, der ja nun auf unserer neuen Platte zu hören ist, die Situation umkehrt und wir dann beispielsweise Kraftwerk als Vorgruppe mit auf Tour nehmen…
Anna: Wie steht Ihr zu den illegalen Downloads im Internet, was heutzutage leider Alltag geworden ist und wodurch Musiker heutzutage nicht mehr den wohlverdienten Lohn für ihre Arbeit ernten?
Lexi:
Es ist schon richtig, dass das ein ziemlich großes Problem geworden ist, denn inzwischen geht’s eigentlich wirklich nicht mehr darum, dass die Musiker in unserer Szene ihren wohlverdienten Lohn bekommen, sondern es geht darum, ob die Bands in dieser Szene überhaupt noch Musik auf CD veröffentlichen können. Leider werden nur noch so wenige CDs verkauft, dass das Ganze immer mehr zu einem großen Verlustgeschäft wird - und es gibt nicht wenige Bands und nicht wenige Plattenfirmen, die da schon aufgegeben haben.
Dennoch denke ich, dass man das Internet auch für sich nutzen sollte. Deswegen bieten wir zum Beispiel jeden Monat einen “Download des Monats” auf unserer Internetseite www.einheitsschritt.de an, der komplett kostenlos ist - und anhand dieser Klangproben kann man gut verfolgen, wie sich Kontrast weiterentwickeln.
Anna: Als Freunde habt Ihr angefangen… Geht Ihr nun immer noch als Freunde ans Werk oder schon mehr als Kollegen und habt Ihr auch außerhalb der Band engen Kontakt zueinander?
Lexi:
Als Band hat man zwangsläufig recht engen Kontakt - auch wenn es so ist wie bei uns, dass wir wirklich in ganz unterschiedlichen Ortschaften hier in Deutschland wohnen. Dieser enge Kontakt ist dann aber zwangsläufig sehr häufig auch auf Band-Themen beschränkt, d. h. es ist relativ selten Zeit, sich auch einmal persönlich auszutauschen. Das holen wir dann meistens erst nach, wenn wir uns zu Aufnahmesessions
treffen oder eben auf Tour gehen.
Anna: In welcher Altersgruppe bewegen sich Eure Fans? Vom Tokio Hotel-Alter bis zu Hansi Hinterseer oder beschränkt es sich doch mehr auf einen Kreis?
Roberto:
Wie wir selbst immer sehr interessiert beispielsweise im Internet verfolgen können auf unserer MySpace-Seite www.myspace.com/kontrasteinheitsschritt haben wir wirklich Freunde aus allen Altersschichten. Es ist natürlich so, dass sicherlich ein Song wie “80er Jahre” eher die vielleicht schon etwas älteren Leute anspricht, die eben diese Zeit miterlebt haben. Aber wir haben genauso auch Käufer aus sehr jungen Schichten. Das freut uns natürlich auch, weil wir unsere Musik eben nicht auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten haben. Und ich kann ja auch hier einmal nicht ganz ohne Stolz äußern, dass meine Mutter unsere Musik auch sehr schön findet. ;-)
Anna: Wenn man einmal auf Eure Anfangszeit zurückblickt: Was hat sich seitdem für Euch ins Positive oder Negative gewendet? Erinnert Ihr Euch gerne an alte Zeiten zurück und bereut Ihr vielleicht auch die eine oder andere Entscheidung im bisherigen Musikerleben? Wenn ja, was?
Roberto:
Tja, mit Sicherheit hatten auch die “guten alten Zeiten” etwas für sich. Wir haben halt damals ohne groß darüber nachzudenken, was wir da eigentlich machen, einfach drauflos musiziert, haben auf Federmappen gescratcht und ich hab in die Kaffeedose gesungen, damit meine Stimme etwas mehr Hall hatte. Das sind sicherlich Sachen, die man heute nicht mehr macht, weil wir ja auch - wie sich dann eben irgendwann herauskristallisiert hat - mit Kontrast eine bestimmte Richtung, ein bestimmtes Ziel verfolgen. Und es ist natürlich schon so, dass über die Jahre die eigenen Ansprüche steigen. Wir wollen unsere Platten natürlich auch verkaufen; deshalb möchten wir auch ein wirklich gutes Ergebnis
abliefern. Das führt dann eben dazu, dass wir mittlerweile deutlich länger brauchen, um an einem Song zu arbeiten, als das früher der Fall war. Ob das nun am Ende positiv oder negativ ist, das mag der geneigte Hörer selbst entscheiden.
Anna: Was ist Euch lieber: Festivals und Konzerte oder kleinere, gemütlichere Clubs?
Lexi:
Also ich glaube, da kann ich im Namen aller sprechen: Am Liebsten spielen wir in kleinen, gemütlichen Clubs mit 50.000 Gästen.
Anna: Was wird in Eurem Leben immer eine Vision und eine Tradition sein?
Lexi:
Ich kann das wirklich nur für mich sagen, aber ich denke, ich habe eine Vision, dass es irgendwie immer weitergehen wird und dass sich die Menschheit genauso wie die Musik immer weiterentwickeln wird - und das Ganze hoffentlich zum Positiven. Mit Tradition selbst hab’ ich’s eigentlich nicht so, weil immer einen ziemlichen Abstand zur
Vergangenheit halte.
Dirk:
Ich möchte mich eigentlich auch nur zu der Vision äußern: Meine Vision ist nicht ganz so global wie die von Lexi. Ich stelle mir vor, dass wir auch in 30 oder 40 Jahren immer noch gemeinsam auf der Bühne stehen werden mit Kontrast - und auch wenn wir dann nicht mehr ganz so schnittig aussehen sollten, wir trotzdem noch Spaß an der Musik haben und natürlich auch das Publikum.
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